Die Sozialen Medien, wie wir sie heute zum größten Teil kennen, sind in den Händen von Unternehmen, die damit Gewinne erzielen wollen. Für Nutzer:innen ist die Nutzung oberflächlich kostenlos, trotzdem zahlen wir einen hohen Preis dafür. Mit unserer Aufmerksamkeit, unseren Daten, unserer Gesundheit. Und auch unsere Freiheit ist durch Social Media in Gefahr.
Über alle diese Probleme mit “Big Social” schreiben wir auf einer anderen Seite mehr, hier wollen wir uns auf Lösungen konzentrieren.
Unsere Verantwortung #
Wir haben diese Probleme mitverursacht. Indem wir bereitwillig der Einladung gefolgt sind, die Geschäftsbedingungen akzeptiert und weggeklickt, unsere Daten zur Verfügung gestellt und beide Augen zugedrückt haben, wenn wieder neue Meldungen zu Verstößen der großen Plattformbetreiber bekannt wurden.
Allmählich haben wir uns an die Situation gewöhnt, die sich Schritt für Schritt zuspitzt. Und wir tun uns schwer, alte Gewohnheiten und Privilegien in Frage zu stellen.
Es gibt erstaunliche Parallenen zum Thema Klimawandel. Wir kennen die politischen Debatten darum, ob man durch Gesetze auf das Verhalten der Menschen einwirken muss, oder ob man auf Freiwilligkeit und Anreize setzen soll, sehr gut. Der Kampf gegen den Klimawandel geht uns zu langsam, zu wenige Menschen setzen freiwillig auf das Fahrrad, verzichten auf Fleisch. Das Auto gilt uns als bequemer. Fleisch schmeckt uns zu gut oder gehört einfach dazu.
Und wie beim Thema Klimawandel ist es Zeit, dass wir unsere Verantwortung annehmen und politisch für Soziale Medien kämpfen, die mit unseren Werten und Zielen im Einklang stehen. Dazu gehört, dass wir, die wir selbst Teil der Sozialen Medien sind, die Alternativen kennen. Deshalb gibt es diese Website.
Wir haben Lösungen #
Nehmen wir die Energiewende zum Vergleich. Manche fordern, technologieoffen alle möglichen Wege der Energiegewinnung zu erforschen und zu fördern, von neuen Atomkraftwerken bis zur Kernfusion. Bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hingegen gibt es einen klaren Konsens: Wir müssen die Technologien zur erneuerbaren Energiegewinnung, die heute schon einsetzbar sind (vor allem Photovoltaik und Windkraft), einsetzen und die Infrastruktur daran anpassen. (vgl. Grundsatzprogramm Absatz 60 und 66)
Beim Thema Soziale Medien ist es ähnlich (mit dem Unterschied, dass es in der Partei keinen entsprechenden Konsens dazu gibt): wir haben das Fediverse. Wir müssen es nutzen und ausbauen. Dafür müssen wir es kennen und verstehen.
Das Fediverse ist sicherlich nicht am Ende seiner Entwicklung. Damit es sich in unserem Sinne, zu unseren Zielen passend weiter entwickeln kann, müssen wir es kennenlernen und mitgestalten. Wir müssen es in unsere politischen Programme einbeziehen, aber – und das ist vielleicht noch wichtiger – es auch durch unsere Teilnahme und unsere Inhalte bereichern.
Wir haben Lösungen. Wir müssen sie nur nutzen.
Aber wie hilft das Fediverse, unsere Probleme mit den Sozialen Medien zu lösen?
Miteinander #
Der vielleicht wichtigste Aspekt des Fediverse ist, dass viele Plattformen, Dienste und Server mit einander im Austausch sind. Während bei Big Social ein Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer:innen besteht, sind im Fediverse viele Angebote mit einander vernetzt, so wie es der Grundgedanke des World Wide Web (WWW) ist.
Für Tim Berners-Lee, den Erfinder des WWW, war ein grundlegendes Prinzip, dass Webseiten auf einander verweisen können, ganz egal, auf welchem Server sie liegen. Dieses Prinzip war entscheidend für den Erfolg des WWW.
Das Fediverse basiert auf dem WWW und offenen Standards wie dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP) und ActivityPub. ActivityPub geht über das bloße Setzen von Links zwischen Webseiten hinaus. Mit ActivityPub können Server im Auftrag ihrer Nutzer:innen Nachrichten austauschen. Eine solche Nachricht könnte zum Beispiel eine Statusnachricht auf einem Microblogging-Dienst wie Mastodon sein. Oder ein neu veröffentlichtes Video in einem PeerTube Kanal. Oder ein Kommentar zu einem Foto auf Pixelfed.
So enstehen neue Möglichkeiten, die wir von den zentralisierten Plattformen nicht kennen. Beispielsweise können Mastodon-Nutzer:innen auf Foto-Beiträge antworten, die von Pixelfed-Konten veröffentlicht wurden. Oder benachrichtigt werden, wenn auf einem PeerTube-Konto, dem sie folgen, ein neues Video veröffentlicht wurde. Oder wenn auf einem WordPress-Blog ein neuer Artikel veröffentlicht wurde. Und diesen natürlich von Mastodon aus direkt lesen, anschauen, und kommentieren.
Jede:r kann mitmachen #
Als Teil des WWW ist das Fediverse so konzipiert, dass beliebige Server mit einander kommunizieren. Prinzipiell kann jede:r einen Server betreiben (und bei Netzbegrünung machen wir davon aktiv Gebrauch).
Dazu braucht mensch, neben dem technischen Verständnis, die passende Software. Weil ActivityPub ein offener Standard ist, kann prinzipiell jede:r Software schreiben, die per ActivityPub Nachrichten mit anderen Servern im Fediverse austauscht.
Wir kennen das Prinzip gut von einem anderen Internet-Dienst: E-Mail. Hier tauschen Milliarden von Nutzer:innen Nachrichten miteinander aus, und es spielt keine Rolle, bei welchem Anbieter sie ihr Mail-Konto eingerichtet haben, oder ob sie den Server sogar selbst programmiert haben und betreiben.
Jede:r kann lesen #
Öffentliche Inhalte sind im Fediverse auch tatsächlich öffentlich einsehbar, ohne Hürden wie Registrierung, Einloggen, AGBs, Cookies akzeptieren.
Die Big-Social-Plattformen versuchen alles, Nutzer:innen auf ihre Plattformen zu bringen. Deshalb werden auf immer mehr Sites Login-Aufforderungen angezeigt, selbst wenn man nur öffentliche Inhalte anzeigen möchte. Bei Diensten wie Mastodon gibt es diese unnötigen Hürden nicht. Wie auf eine Website, kann jede:r auf öffentliche Nachrichten zugreifen. Und weil z. B. Mastodon datensparsam arbeitet und keine Tracking-Dienste einbindet, müssen Nutzer:innen dazu nicht mal irgend welchen Datenschutz-Regeln zustimmen. Das ist das Web, wie es sein soll!
Freie Wahl der Werkzeuge #
Wie wir es von E-Mail kennen, können wir auch im Fediverse selbst bestimmen, mit welcher Benutzeroberfläche wir bestimmte Dienste nutzen. Je populärer ein Fediverse-Dienst, desto mehr alternative Apps und Oberflächen stehen zur Auswahl. Hierbei wird auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse eingegangen, was auch der Inklusion und Barrierefreiheit zugute kommt. So gibt es beispielsweise Mastodon-Clients für den Terminal, wodurch die Nutzung von Mastodon auch mit minimalster Hardware-Ausstattung auf den ältesten Computern ermöglicht wird.
Die Analogie zu E-Mail hilft übrigens auch, zu verstehen, wie Nutzer:innen im Fediverse sich über die Grenzen von Servern hinweg adressieren können. Eine E-Mail-Adresse enthält immer ein @-Zeichen, davor steht ein Name, und danach steht ein Domainname. Im Fediverse funktioniert das fast identisch, nur setzt man üblicherweise vor den Namen auch noch ein @-Zeichen. Beispiel:
@timbl@w3c.social
Dass man die Software für das Fediverse selbst schreiben kann, heißt natürlich nicht, dass man das auch muss. Die Zahl der Open-Source-Projekte, die kostenlos genutzt, kopiert, angepasst werden dürfen, wächst ständig. Dazu kommt eine große Auswahl mobiler Apps.
Pluralität, Diversität #
Immer mehr Server nehmen am Fediverse teil. Die Betreiber:innen sind oft Privatpersonen, Vereine und Institutionen mit dutzenden oder hunderten Nutzer:innen. Jede dieser Communities kann sich ihre eigenen Regeln geben, welche Inhalte und Umgangsformen auf der Plattform akzeptiert werden. Auch im Austausch mit anderen Servern im Fediverse kann jede:r Betreiber:in, jede einzelne Community selbst entscheiden, ob sie andere Server von der Kommunikation ausschließen wollen.
Immer wieder berichten Medien, Forscher:innen und NGOs, wie Big Social darin versagt, Vertreter:innen von Minderheiten durch mangelhafte Moderation zu schützen. Im Fediverse können Gruppen, die in den kommerziellen Plattformen Opfer von Hassrede wurden, sich besser schützen, indem sie selbst Communities bilden, Server betreiben, Regeln aufstellen und die Moderation selbst in die Hände nehmen.
Abseits vom Minderheitenschutz bilden sich auch zunehmen Interessengemeinschaften (communities of interest) im Fediverse, beispielsweise zu Themen wie Bildung, Wissenschaften, Recht, oder Sport. Auch beliebt sind Server mit regionalen oder lokalen Schwerpunkten. Dienste wie Mastodon unterstützen diese Lokalität, indem sie es erlauben, Zeitleisten (feeds, timelines) und Konton jeweils auf den eigenen Server eigeschränkt anzuzeigen.
Datensparsamkeit #
Unternehmen wie Meta fordern von Nutzer:innen die Angabe von Klarnamen und bilden umfangreiche Profile, mit denen sie Werbeeinnahmen erwirtschaften. Dabei haben sie wieder und wieder bewiesen, dass sie nicht in der Lage sind, diese Daten angemessen zu schützen und nutzen die Fülle der Datens selbst zur Gewinnmaximierung.
Die bekannten Fediverse-Dienste wie Mastodon, Friendica und PeerTube hingegen erheben nur die Daten, die für Erzeugung eines Accounts wichtig sind. Meist wird nur eine E-Mail-Adresse benötigt, somit können sie grundsätzlich auch anonym bzw. mit Pseudonym verwendet werden. Tracking durch Dritte findet in der Regel nicht statt. (Server-Betreiber könnten davon abweichen und duchaus Tracking-Dienste einbinden, müssten das allerdings vor ihren Nutzer:innen selbst verantworten.)
Daten mitnehmen #
Zumindest einzelne Fediverse-Dienste erlauben den Umzug eines Nutzer:innenprofils einschließlich der Kontakte (des social graph) auf einen anderen Server. Mastodon ist hier als Beispiel zu nennen.
Open Source #
Haben wir schon erwähnt, dass das Fediverse in großen Teilen auf Open Source Software basiert? Ja. Aber lass uns noch mal genau verstehen, was das bedeutet.
Es bedeutet, dass jede:r den Quellcode einsehen kann, um zu verstehen, was genau die Software macht. Deshalb ist es bei Open Source Software wahrscheinlich, dass Sicherheitslücken entdeckt und geschlossen werden. Und es ist unwahrscheinlich, dass etwas implementiert wird, das im Widerspruch zu den Interessen der Nutzer:innen steht, wie beispielsweise das versteckte Sammeln von Daten über Nutzer:innen.
Es bedeutet auch, dass prinzipiell jede:r die Software anpassen kann, so dass sie den eigenen Anforderungen genügt. Damit ist es beispielsweise für öffenliche Auftraggeber auch möglich, Expert:innen für die Erweiterung der Software um bestimmte Funktionen zu beauftragen und zu bezahlen.
Passt zu Grün #
Das Fediverse ist im Einklang mit den Grundsätzen von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. In unserem Grundsatzprogramm haben wir viele politische Ziele formuliert, die es nahe legen, dass wir dem Fediverse den Vorzug gegenüber Big Social geben.
Absatz 171 zum Beispiel ist geradezu eine Kampfansage an Big Social und Werbung für das Fediverse:
“Ein Mensch ohne Privatsphäre ist niemals frei. Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Nichtdiskriminierung bei der Verarbeitung von Daten sind sicherzustellen, sowohl beim Staat als auch bei privaten Akteur*innen. Daten- und Menschenrechtsschutz, die informationelle Selbstbestimmung, die informationstechnische Integrität und Sicherheit gilt es entschlossen zu verteidigen und auszubauen. Die Verantwortung dafür darf nicht allein auf das Individuum abgeschoben werden. Entsprechend sind kollektive Schutz- und Abwehrrechte sowie die digitale Souveränität zu stärken. Digitale Angebote anonym nutzen zu können, erfüllt eine wichtige Schutzfunktion und ist zugleich Ausdruck digitaler Freiheit und Selbstbestimmung, insbesondere für vulnerable Gruppen.”
Oder in Absatz 172:
“Übermäßige Datenmacht und sich selbst verstärkende Datenmonopole sind zu verhindern und aufzubrechen. Offene Daten, offene Software, offene Standards und offene Schnittstellen müssen politisch gefördert werden und Standard sein, wenn öffentliche Gelder aufgewendet werden.”
Wir können ergänzen: Offene Software und offene Standards bieten natürlich auch dann viele Vorteile, wenn keine öffentlichen Gelder im Spiel sind.
Weiter in Absatz 173:
“Jeder Mensch hat ein Recht, sich frei zu informieren und zu kommunizieren sowie auf einen offenen und schnellen Zugang zum Internet. … Große Teile gesellschaftlicher Willensbildung und der dafür notwendigen Debatten spielen sich inzwischen digital ab, einhergehend mit weitaus größeren Beteiligungsmöglichkeiten. Diese Potentiale müssen besser für demokratische Prozesse nutzbar gemacht und vor Manipulationen und Desinformation geschützt werden. Aufgrund niedrigschwelliger Eingriffsmöglichkeiten für Unternehmen und staatliche Stellen benötigen digitale Räume einen besonderen Schutz.”
Und Artikel 180:
“… Damit sich Europas Bürger*innen in dieser Welt mündig, aufgeklärt und damit selbstbestimmt bewegen können, braucht es eine größere technologische Souveränität der Europäischen Union, basierend auf hohen Standards der Sicherheit, der Resilienz und des Datenschutzes. Dies ist der Gegenentwurf sowohl zum ungezähmten Datenkapitalismus als auch zu autoritär gelenkter staatlicher Überwachung. …”
Risiken und Nebenwirkungen #
Auch wenn das Fediverse, verglichen mit Big Social, Lösungen für viele strukturelle Problem liefert, kann es nicht alle Risiken und Nebenwirkungen der Sozialen Medien aufheben.
Bislang vorliegende Studien haben die Auswirkungen von Social Media auf die psychische Gesundheit auf Basis der kommerziellen, zentralisierten Plattformen untersucht. Vergleichende Untersuchungen, die speziell Dienste des Fediverse unter die Lupe nehmen, liegen nach unserer Kenntnis noch nicht vor.
Bei sachlicher Betrachtung müssen wir annehmen, dass wesentliche Risiken für die mentale Gesundheit auch bei Social-Media-Diensten im Fediverse bestehen. Das Phänomen des doomscrolling, fear of missing out (FoMO), das Vergleichen des Selbst mit idealisierten Darstellungen anderer (upward comparison), oder Suchtverhalten können ohne Zweifel auch ohne algorithmische Verstärkung, wie sie bei Diensten wie z. B. X oder Facebook existieren, begünstigt werden.
Wir, die Initiator:innen dieser Website, möchten niemanden überreden, mit der Nutzung Sozialer Medien anzufangen oder verstärkt Zeit darin zu investieren. Wir glauben, dass bedeutende Teilhabe am gesellschaftlichen Wandel und Politik auch sehr gut ohne Soziale Medien möglich ist. Wenn Ihr allerdings schon auf den Social Media Plattformen aktiv seid, dann lautet unser Apell: beschäftigt Euch mit dem Fediverse und denkt darüber nach, inwiefern Ihr einen Teil Eurer Aufmerksamkeit darauf verlagern könnt.